Tsukuyumi – Full Moon Down ist ein Strategiespiel vor einer ungewöhnlichen Kulisse. Der Mond ist auf die Erde gestürzt. In den Trümmern regt sich in Form eines Lindwurms eine gigantische Gestalt, die hungrige Mondgottheit Tsukuyumi. Die Diener des Tsukuyumi, die mächtigen Oni (violett), breiten sich auf der zerstörten Erde aus. Die Ozeane sind verdampft; die Völker der Erde kämpfen auf dem Ozeanboden um das verbleibende und das neu entstandene Territorium. Manche Zonen sind radioaktiv verseucht, andere sind schwer zu erobern, wieder andere sind wegen ihrer Fruchtbarkeit begehrt.
Die letzten Menschen der USS Nomad (blau) sind nur eines der Völker und müssen mit Gerissenheit, Waffen und Minen ihre Interessen schützen. Eine Gruppe von posthumanen Wesen, die Cyber-Samurai (rot), verfügen über modernste Technologie, während die Boarlords (grün) – große, evolvierte Eber – sich das Gelände mit „Terraforming“ unterwerfen. Die insektoiden Dark Seed (gelb) hingegen treten in großen Zahlen auf und können das Blatt wenden, wenn neue Brut schlüpft und sich weiterentwickelt. Es heißt: „Jeder gegen jeden, aber alle gegen Tsukuyumi“. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Gebiete zu erobern und zu halten.



Der Spielaufbau mit den Hexfeldern und Fraktionskarten nimmt bereits zwanzig Minuten in Anspruch. Wir spielen zu viert. Bei unserer nunmehr zweiten Partie tauschen wir durch: alle übernehmen ein anderes Volk als zuvor. Die Oni werden von allen abwechselnd gespielt, es gibt also keinen Dungeonmeister. Damit fungiert diese neutrale/böse Fraktion als Kraft, die starke Machtunterschiede zwischen den Spielern etwas ausgleicht. Ich habe dieses Mal die Boarlords bekommen.

Ein lustiges Detail: Die Boarlords sind allesamt mit Fragmenten von Verkehrszeichen ausgerüstet. Das unterstreicht die post-apokalyptische Zeit, in der Straßen keine Bedeutung mehr haben. Die Buchstaben sind teilweise grafisch stilisiert. Dadurch wirken die Karten futuristischer, es erschwert jedoch manchmal die Lesbarkeit. Das Spielfeld erstreckt sich nahezu über den gesamten Tisch. Jedes Volk benutzt andere Kartensätze und Marker, denn in diesem asymmetrischen Spiel fahren alle unterschiedliche Strategien.
Vom letzten Spiel weiß ich, das die Boarlord-Strategie darin besteht, mein Gebiet durch Manipulation des Geländes auszubreiten. Ich habe Marker zum Untertunneln und zum Erzeugen von Blockaden. Außerdem kann ich Festungen und Befestigungen errichten, um Gebiete zu sichern. Dabei muss ich aufpassen, dass mir meine Nachbarn – die Dark Seed und die Cyber-Samurai – nicht in den Rücken fallen, während ich vorrücke. Ein Fehler wäre es, meinen Nachschub zu klein zu halten und so das eigene Land zu leeren. Ich hätte nicht gedacht, dass mir einmal das Lesen der Kunst des Krieges von Sun Tsu bei einem Brettspiel nützen würde… doch wie viel, wird sich noch zeigen.
Das Spiel läuft in 5 Runden ab, die wiederung in mehrere Phasen gegliedert sind. Die Aktionskarten werden gedraftet. Das bedeutet: die Karten werden herumgereicht und jede Person sucht sich eine aus. Dadurch sind Runde für Runde die Aktionsschwerpunkte anpassbar. Die Reihenfolge (die Initiative, ein Begriff, der sich an Spiele wie Dungeons&Dragons anlehnt), in der die Spieler agieren, ist nicht permanent fixiert und lässt sich ändern.



Zu Beginn geht es recht einfach los. Alle stellen ihre ersten Figuren auf und beginnen, sich in dem noch unumstrittenen Land vor der eigenen Haustür auszubreiten. Die Menschen der Nomad durchqueren ohne Störung einen nahegelegenen Sumpf und markieren ihn mit einem dreieckigen Marker als besetztes Gebiet.
Die Boarlords haben etwas Ähnliches vor. Die Boarlord-Basis ist nicht weit vom Bau der Dark Seed entfernt. Es zeichnet sich früh ab, dass es an der Engstelle zwischen den beiden Fraktionen Reibungen geben wird. Deswegen versuche ich, das Gelände für mich vorteilhafter zu gestalten. Zum Glück können die eierlegenden Einheiten der Dark Seed nicht fliegen. Die Eber hingegen untertunneln die rote Barriere und vertreiben die ersten Insekten, die schon Eier gelegt haben. Die Eier sind unzerstörbar und könnten später zu einem Problem werden.
Ein akuteres Problem sind für die Boarlords die Cyber-Samurai. Diese schicken einen präventiven Raketenschlag und plötzlich steht mein Eber alleine im Sumpf.



Während die Dark Seed und die Boarlords sich erste Scharmützel liefern, geraten auch die Cyber-Samurai und die Nomaden aneinander. Die Cyber-Samurai sind mächtig dank ihrer überlegenen Technologien. Die Nomaden hingegen müssen als Gruppe vorstoßen. Unter dem Einsatz von Waffen und gutem Timing sichern sie sich ein weiteres Gebiet und ziehen sich im Anschluss rasch zurück.


Einige Zeit später liegen sich die Boarlords und die Dark Seed noch an derselben Stelle in den Haaren. Es ist wie ein Tauziehen und wir stellen fest, dass sich nicht mehr viel bewegt. Wegen der Präsenz der Wespen und Arbeiterinnen können die Boarlords nicht weiter expandieren. Die natürlichen Barrieren verhindern dasselbe für die Dark Seed. Es ist eine Patt-Situation. Beide Seiten haben viele Einheiten zur Befestigung dieser Front verbraucht. Das Hinterland der Boarlords hat sich nach einem Überfall der Nomads bedenklich geleert. Ein paar Tunnel und Boarlord-Barrieren bilden eine lückenhafte Verteidigung in Richtung der Nomads.
Die Oni waren während des Spiels bislang eher passiv. Das liegt daran, dass wir diesen automatischen Gegner noch nicht in vollem Umfang verwenden, weil wir noch dabei sind, die Spielmechaniken zu lernen. Trotzdem lassen sich die Oni als unfreiwillige Verbündete verwenden, um die Nachbarn zu beschäftigen.

Während die Oni und die Cyber-Samurai sich prügeln, verengen die Boarlords hastig den Flaschenhals, durch den die Nachbarn eindringen könnten. Die Dark Seed legen weitere Eier und schwärmen aus.

Die Fronten haben sich endgültig verhärtet. Auf dem Feld geht es den Samurai nicht so gut, wobei sie im Hintergrund weiter fleißig Technologien erforschen. Die geringen Zahlen können über ihre Stärke hinwegtäuschen, weil ihre Feuerkraft auch aus dem Orbit kommt.

Im Hinterland der Dark Seed hat sich eine kleine Oni-Enklave gebildet und ärgert die Insekten.

Die Nomaden sehen ein, dass sie nur noch eine verbleibende Chance haben, die Boarlords in ihr Land zurückzudrängen. Sie schieben ihren Trupp in den Flaschenhals vor und schaffen es, das vorderste Feld, ein Stück des zertrümmerten Mondes, für sich zu beanspruchen.

Ein frustrierter Boarmaster – eine mächtige Einheit – hat den Ansturm überlebt und hält Wache, schafft es aber nicht, das Feld zurückzuerobern.

Die Nomaden schließen Lücken auf der Karte und verminen alles (runde blaue Marker). Vor Enthusiasmus kann da schon mal ein Hexfeld verrutschen. Im Hintergrund türmen sich die erforschten Technologie-Karten der Samurai.

Langsam zeichnet sich der Endzustand ab. Alle Fraktionen sind bis an die natürlichen Grenzen vorgestoßen. Während die Konflikte in den Reibungszonen abebben, versuchen alle, im eigenen Hinterland Flaggen zu setzen. Das Spielfeld ist übersät mit dreieckigen Besitzmarkern.


Die Dark Seed schlüpfen und wagen einen letzten Angriff. Sie umschwärmen die Brutmutter. Die Befestigung auf dem Feld knickt ein, aber die Matriarchin nicht.

Die Samurai und die Nomaden fahren eine Politik der verbrannten Erde. Minenfelder grenzen an radioaktiv verseuchte Gebiete. Hier ist nicht mehr viel zu holen. Rot und Blau starren sich gegenseitig bedrohlich an.

Aus Zeitgründen beenden wir nach der vierten von fünf Runden das Spiel. Wir haben über mehrere Stunden hinweg gespielt.
Es hat allen viel Spaß gemacht. Das Spiel hat eine große taktische Tiefe. Die Asymmetrie sorgt dafür, dass manche Situationen schwer abzuschätzen sind. Bei der Entwicklung wurde darauf geachtet, dass manche Vorgänge gleichzeitig ablaufen, wie die Aktionswahl durch das Draften, was etwas Zeit spart. Die Spielanleitung ist leider nicht so übersichtlich, sodass wir oft zwischendurch mit hektischem Blätten beschäftigt waren, um die Feinheiten und Eventualitäten korrekt zu behandeln.
Die einzige Frage, die verbleibt, ist: Wer hat gewonnen? (die Nomaden!)
Und: wann spielen wir das nächste Mal – vielleicht mit der ersten Erweiterung?


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